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Ostersonntag, abends. Die Eier waren alle gesucht und gefunden, die Kinder schliefen endlich erschöpft in ihren Betten und das Ehepaar S. schaute nochmals im Stall nach dem Rechten. Die Holländerstute Linda stand mit ihrem dicken Bauch gelassen da. Schon acht Tagen war der errechnete Geburtstermin vorbei und nun wär’s wirklich Zeit... Zur Sicherheit bekam sie einen Birthalarm-Gurt umgelegt – man kann nie wissen! Diesem tollen Gerät ist es zu verdanken, dass die schnelle Geburt überhaupt bemerkt wurde. Linda, die fünfzehnjährige Erstgebärende, brachte am 23. März 23:45 Uhr problemlos ein schönes Hengstfohlen zur Welt. Schon lange stand fest, dass, falls es ein Hengstchen sein sollte, dieses „Stern“ heissen soll. Und siehe da – er trug seinen Namen als schönes Zeichen auf der Stirn.
Nach zwei Stunden hatte er bereits das erste Mal getrunken. Stern erreichte nach der Skala den Wert 8 von 9, also gut.
Linda, die früher als Zicke berüchtigte Stute, zeigte sich von ihrer besten Seite. Sie war sofort eine aufmerksame, liebevolle Mutter. Die schöne Holländerin mit den guten Papieren war von ihrer früheren Besitzerin wegen Unreitbarkeit an die Züchterin Frau S. verschenkt worden. Frau S. fand bald den Draht zu Linda, welche sich sehr bald zu einem temperamentvollen, aber zuverlässigen Reitpferd entwickelte. Und bald schon stand auch fest, dass mit diesem tollen Pferd gezüchtet werden sollte und nun war es also so weit.
Am nächsten Morgen war die Freude gross. Stern entwickelte sich prächtig, saugte kräftig und sämtliche zwei- und vierbeinigen Kinder schlossen sofort Freundschaft. Die Pferde sind, wie alle anderen Tiere, Mitglieder der Familie S. Sie werden möglichst naturnah gehalten und liebevoll und konsequent gepflegt und erzogen. Sie danken es mit guter Gesundheit und zuverlässiger Treue und Leistungsbereitschaft. So war denn die Bestürzung gross, als Stern nach sechsunddreissig Stunden plötzlich und immer wieder in der Hinterhand einknickte und offensichtlich Bauchschmerzen hatte. Kot und Urin waren abgegangen, was war da los?
Die Angst wuchs und so fuhr man Linda und Stern umgehend in die Pferdeklinik. Nach einer Ultraschalluntersuchung stand fest, dass Urin im Bauchraum war – Blasenriss war die Diagnose! Dies, so lernten die Besitzer, sei gar nicht mal so selten bei Hengstfohlen. Eine volle Blase werde während der Geburt beim Durchgang durch das Becken gepresst und könne sich, aufgrund des längeren Weges bei einem Hengstfohlen, nicht entleeren, was zu einem Riss führen könne.
Es wurde vereinbart, dass eine Operation versucht werden sollte – aber man beschloss auch, bei nicht wirklich guten Aussichten dem Leiden ein Ende zu setzen. Die Operation war jedoch erfolgreich und am nächsten Morgen schien Stern topfit zu sein.
Am Nachmittag dann aber war Stern wieder apathisch und bald schon stand fest, dass die Blase wieder gerissen war. Stern durfte in den Pferdehimmel traben.
Nicht nur die Besitzer waren traurig, auch die Mutterstute litt ganz offensichtlich. Sie liess nur noch den Kopf hängen. Um ihr den Abschied zu ermöglichen, wurde das Fohlen in der Box gelassen. Immer wieder stupste sie es an: Komm, Stern, steh auf! Aber Stern war schon weit weg. Linda wurde gemolken, um wenigstens den Druck auf dem Euter zu lindern.
In der Zwischenzeit hatte sich ein verzweifelter Züchter bei Pierre Matile SOS-Fohlendienst gemeldet. Seine Freibergerstute war sofort nach der Geburt ihres zweiten Fohlens gestorben. Hier war wirklich Eile geboten.
Linda, inzwischen wieder daheim, schien tieftraurig zu sein. Kann es sein, dass auch Pferde schluchzen können? Es schien so...
Pierre Matile bat Frau S., eine Adoption zu versuchen. Bald schon war das neue Fohlen da und wurde vorbereitet: Das abgezogene Fell des toten Stern wurde über das noch keinen Tag alte Tierchen gelegt und mit Lindas Milch eingestrichen. Dann nahte der Augenblick der Zusammenführung und alle waren ängstlich gespannt. Funktioniert der Trick? Linda, kaum im Stall, nahm den neu/alten Geruch sofort wahr und wieherte. Sofort kam mit einem dünnen Stimmchen die Fohlenantwort. Linda schnupperte noch so der Form halber – man merkte ihr an, dass sie die Täuschung durchschaute – aber der Mutterinstinkt war wohl überstark. Nach zwei Minuten saugte das kleine Pferdemädchen bei seiner neuen Mami das erste Mal. Und weil das Fohlen eine ganz ähnliche Zeichnung wie das tote Hengstchen hatte, wurde es zur Erinnerung Sternli getauft.
Linda und Sternli sind wohlauf und geniessen das Leben auf den satten Frühlingsweiden.
Bitte denken auch Sie im Notfall an den SOS-Fohlendienst, damit noch manche dunkle zu einer Sternstunde werden kann!
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